Eine Million Veränderung – unzählige Veränderungen! – jeden Tag, bei jedem Herzschlag jeden Tages. Das ist der Lauf der Dinge, der Welt, jede Entscheidung ist ein Kreuzweg, jeder Regentropfen ein Werkzeug sowohl der Zerstörung als auch der Schöpfung, jedes Tier, das jagt, und jedes Tier, das gefressen wird, verändert die Gegenwart um ein kleines bisschen.
Auf einer grösseren Ebene ist das kaum wahrnehmbar, aber die Unzahl von Teilchen, aus denen jedes Bild besteh, sind keine Konstanten, und wir sind auch nicht notwendigerweise konstant, was unsere Art angeht, sie zu betrachten. [...]
Wir messen unsere Leben nach den Veränderungen, nach Augenblicken des Ungewöhnlichen. Vielleicht zeigt sich das im ersten Blick auf eine neue Stadt oder beim ersten Atemzug auf einem hohen Berg, beim Schwimmen in einem Fluss, der kalt ist vom Schmelzwasser, oder in einer wilden Schlacht im Schatten vom Kelvins Steinhügel. Es sind die ungewöhnlichen Erlebnisse, die die Erinnerungen schaffen, und ein Zehntag von Erinnerungen ist mehr Leben als ein Jahr der Routine. [...]
Die Logik der Routine ist schlicht und einfach und die Falle leicht gestellt, denn wenn ich Dinge am Tag zuvor getan habe und die gleichen Dinge heute tue, kann ich vernünftigerweise annehmen, dass das Ergebnis sich nicht ändern wird. Und das Ergebnis ist, dass ich morgen am Leben sein werde, um diese Dinge wieder zu tun. [...]
So werden das Banale und die Routine zur – falschen – Sicherheit eines andauernden Lebens, aber ich muss mich fragen, selbst wenn diese Voraussetzungen der Wahrheit entsprächen, selbst wenn man Unsterblichkeit erlangen könnte, wenn man jeden Tag das Gleiche täte, ob ein Jahr solchen Lebens nicht bereits dasselbe sein würde wie die Möglichkeit des Todes in ihrer beunruhigendsten Form.
Aus meiner Perspektive sorgt diese seltsame Logik sogar für das Gegenteil des eingebildeten Versprechens! Ein Jahrzehnt in diesem Zustand zu verbringen ist mit Sicherheit der schnellste Weg zum Tod, denn es sichert das schnellste Vergehen des Jahrzehnts, ein kein bisschen bemerkenswertes Leben, das ohne Pause vorbeirasen wird, Jahre schlichten Existierens. Denn in diesen Stunden, Herzschlägen und vergehenden Tagen gibt es keine Veränderung, keine hervorstechende Erinnerung, keinen ersten Kuss.
Die Strasse zu suchen und Veränderungen erfreut anzunehmen kann in diesen gefährlichen Zeiten auf Faerûn durchaus zu einem kürzeren Leben führen. Aber in diesen Stunden, Tagen, Jahren, wie immer ich es bemesse, werde ich ein erheblich längeres Leben geführt haben als der Schmied, der denselben Hammer auf dieselbe vertraute Stelle desselben vertrauten Metalls niedergehen lässt.
Denn Leben ist Erfahrung, und ein langes Leben wird am Ende in Erinnerungen gemessen, und die Leute, die tausend Geschichten zu erzählen haben, haben tatsächlich länger gelebt als alle, die sich dem banalen Alltag ergeben.
Drizzt Do’Urden
[aus «Die Legende vom Dunkelelf: Der Piratenkönig» von R.A. Salvatore, erschienen bei Blanvalet]
